30.09.2026

Warum viele Händler die Retourenkosten unterschätzen

Auf einen Blick

  • Retouren verursachen deutlich mehr Kosten als reine Rücksendelabels.

  • Bearbeitung, Prüfung, Wiedereinlagerung und Wertverluste werden häufig nicht kalkuliert.

  • Hohe Retourenquoten können Liquidität und Marge erheblich belasten.

  • Marktplatzhändler und grenzüberschreitende Händler tragen oft zusätzliche Rücksendekosten.

  • Eine saubere Kostenrechnung schafft Transparenz und verbessert die Profitabilität.

  • Regelmäßige Auswertungen helfen, die Ursachen von Retouren gezielt zu reduzieren.

Ein bekanntes Szenario im Onlinehandel: Die Umsätze entwickeln sich positiv, die Bestellungen steigen und die Werbekosten erscheinen unter Kontrolle. Trotzdem bleibt am Monatsende weniger Gewinn übrig als erwartet. Erst ein Blick auf die Retouren zeigt, warum viele Kalkulationen nicht aufgehen.

Retourenkosten bestehen aus weit mehr als Versandkosten

Viele Händler betrachten lediglich die Kosten für das Rücksendelabel. Tatsächlich setzt sich eine Retoure aus zahlreichen Einzelkosten zusammen:

  • Rückversand

  • Wareneingang und Erfassung

  • Qualitätsprüfung

  • Neuverpackung

  • Wiedereinlagerung

  • Kundenservice

  • Zahlungsabwicklung und Erstattungen

  • mögliche Wertminderungen

  • Entsorgung beschädigter Ware

Gerade bei günstigen Produkten können diese Prozesskosten einen erheblichen Teil der Marge aufzehren.

Die versteckten Kosten in der Retourenabwicklung

Die größten Kostentreiber sind häufig nicht sichtbar.

Personalaufwand

Jede Retoure muss geprüft, dokumentiert und gegebenenfalls neu eingelagert werden. Selbst wenige Minuten Aufwand pro Sendung summieren sich bei hohen Stückzahlen schnell zu einem relevanten Kostenblock.

Wertverluste

Nicht jede zurückgesandte Ware kann als Neuware verkauft werden. Geöffnete Verpackungen, Gebrauchsspuren oder saisonale Artikel führen oftmals zu Preisnachlässen.

Lager- und Kapitalbindung

Retouren verlängern die Zeit, bis Ware wieder verkauft werden kann. Dadurch bleibt Kapital länger im Bestand gebunden.

Kundenservice

Nachfragen zum Retourenstatus, Erstattungen oder Reklamationen verursachen zusätzlichen Aufwand im Support.

Rechenbeispiel: Die tatsächlichen Kosten einer Retoure

Ein Onlinehändler verkauft einen Artikel für 80 €.

Position

Kosten

Rücksendelabel

5 €

Wareneingang und Prüfung

3 €

Neuverpackung

1 €

Wiedereinlagerung

2 €

Kundenservice

2 €

Wertverlust durch geöffnete Verpackung

8 €

Gesamtkosten der Retoure

21 €

Bei 500 Retouren pro Monat entstehen damit:

500 × 21 € = 10.500 € monatliche Retourenkosten

Wer lediglich mit den Versandkosten von 5 € kalkuliert, würde nur 2.500 € berücksichtigen und die tatsächliche Belastung um 8.000 € unterschätzen.

Besonderheiten für Marktplatzhändler

Händler auf Marktplätzen stehen oft vor zusätzlichen Herausforderungen.

Dazu gehören:

  • erhöhte Kundenerwartungen bei kostenlosen Rücksendungen

  • strengere Servicekennzahlen

  • zusätzliche Prozessvorgaben

  • teilweise höhere internationale Rücksendekosten

Die eigentliche Retourenquote kann dadurch deutlich höhere Auswirkungen auf die Gesamtprofitabilität haben als im eigenen Onlineshop.

Besonderheiten beim grenzüberschreitenden Handel

Retouren aus dem Ausland verursachen häufig zusätzliche Kosten:

Faktor

Auswirkung

Längere Transportwege

höhere Versandkosten

Auslandslager

zusätzlicher logistischer Aufwand

Mehrsprachiger Kundenservice

höhere Personalkosten

Wiedereinfuhrprozesse

erhöhter Verwaltungsaufwand

Längere Durchlaufzeiten

stärkere Kapitalbindung

Gerade bei EU-weiten Vertriebsmodellen sollten Retouren in der Kalkulation gesondert ausgewiesen werden.

So schaffen Händler Transparenz

Erfolgreiche Onlinehändler analysieren Retouren nicht nur nach Anzahl, sondern nach Kosten.

Wichtige Kennzahlen sind:

  • Retourenquote je Produktgruppe

  • Durchschnittskosten pro Retoure

  • Wertverluste je Kategorie

  • Retourenquote nach Vertriebskanal

  • Retourenquote nach Land

  • Anteil wiederverkaufsfähiger Ware

Erst diese Zahlen ermöglichen fundierte Entscheidungen über Preise, Sortimente und Marketingmaßnahmen.

Praxis-Checkliste

☐ Durchschnittliche Kosten pro Retoure berechnen

☐ Retourenkosten getrennt nach Produktgruppen erfassen

☐ Wertverluste systematisch dokumentieren

☐ Marktplatz- und Shop-Verkäufe getrennt auswerten

☐ Auslandsretouren gesondert analysieren

☐ Ursachen für häufige Rücksendungen identifizieren

☐ Produktbeschreibungen und Bilder regelmäßig optimieren

☐ Retourenkennzahlen monatlich überwachen

Referenztabelle

Kennzahl

Empfehlung

Rücksendelabel

separat erfassen

Personalkosten

je Retoure kalkulieren

Wertverlust

je Produktgruppe dokumentieren

Marktplätze

gesondert auswerten

Auslandsgeschäft

eigene Kostenstellen anlegen

Reporting

mindestens monatlich

Fazit

Viele Händler unterschätzen Retourenkosten, weil sie sich auf die Versandkosten konzentrieren. Tatsächlich entstehen entlang der gesamten Prozesskette zusätzliche Aufwendungen für Personal, Lager, Kundenservice und Wertverluste. Wer diese Kosten transparent erfasst und regelmäßig analysiert, kann fundiertere Entscheidungen treffen und die Profitabilität nachhaltig verbessern.

Für die individuelle Bewertung von Retourenkosten sowie deren buchhalterische und steuerliche Behandlung empfiehlt sich eine professionelle Beratung.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information; für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Inhalte übernehmen wir keine Haftung.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
  • Steuerliche Beratung im Bereich Unternehmensumwandlungen
  • Steuerliche Beratung im Bereich Nachfolgeregelungen
  • Wirtschaftsprüfung - Jahresabschlussprüfung
  • Unternehmensbewertung