20.05.2026

Juli im Pflegedienst: 20 Überstunden auszahlen oder später durch Freizeit ausgleichen?

In vielen Pflegeeinrichtungen steigen die Überstunden im Sommer deutlich an. Urlaubszeiten, Krankheitsausfälle und der anhaltende Fachkräftemangel sorgen dafür, dass Pflegekräfte häufig zusätzliche Dienste übernehmen müssen.

Für Geschäftsführer und Personalverantwortliche stellt sich dann schnell eine wichtige Frage:

Sollen Überstunden direkt ausgezahlt werden oder ist ein späterer Freizeitausgleich sinnvoller?

Die Antwort betrifft nicht nur die Mitarbeiterzufriedenheit, sondern auch:

  • Liquidität

  • Personalkosten

  • Dienstplanung

  • Arbeitsrecht

  • steuerliche Auswirkungen

Gerade in der Pflege ist das Thema komplexer, als es auf den ersten Blick wirkt.

Warum Überstunden in der Pflege besonders häufig entstehen

Pflegeeinrichtungen arbeiten häufig mit engen Personalstrukturen. Bereits kleinere Ausfälle können zu erheblichen Mehrbelastungen führen.

Typische Ursachen:

  • Urlaubsvertretungen im Sommer

  • kurzfristige Krankmeldungen

  • unbesetzte Stellen

  • steigender Pflegebedarf

  • fehlende Springerkräfte

Dadurch entstehen schnell hohe Überstundenkonten.

Auszahlung oder Freizeitausgleich: Was ist der Unterschied?

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, Überstunden auszugleichen:

Auszahlung der Überstunden

Die zusätzlichen Stunden werden finanziell vergütet.

Das bedeutet:

  • höheres Bruttogehalt

  • zusätzliche Lohnnebenkosten

  • sofortige Belastung der Liquidität

  • unmittelbarer finanzieller Vorteil für Mitarbeitende

Freizeitausgleich

Die Überstunden werden später durch freie Zeit ausgeglichen.

Das bedeutet:

  • keine sofortige Auszahlung

  • zeitversetzte Entlastung für Mitarbeitende

  • geringere kurzfristige Liquiditätsbelastung

  • organisatorischer Aufwand bei späterer Dienstplanung

Wichtig:
Der Freizeitausgleich spart häufig kurzfristig Liquidität, beseitigt aber nicht die wirtschaftliche Belastung vollständig. Die fehlende Arbeitszeit muss später ebenfalls eingeplant oder kompensiert werden.

Entscheidend sind Arbeitsvertrag und Tarifvertrag

Ein häufiger Irrtum in der Praxis ist die Annahme, dass Arbeitgeber frei entscheiden können, ob Überstunden ausgezahlt oder durch Freizeit ausgeglichen werden.

Tatsächlich richtet sich die Ausgleichsform häufig nach:

  • Arbeitsvertrag

  • Tarifvertrag

  • Betriebsvereinbarung

  • internen Arbeitszeitregelungen

Gerade in tarifgebundenen Pflegeeinrichtungen gelten oft konkrete Vorgaben zum Umgang mit Mehrarbeit.

Arbeitszeitkonten spielen in der Pflege eine zentrale Rolle

Viele Pflegeeinrichtungen arbeiten mit Arbeitszeitkonten.

Dabei werden Überstunden zunächst gesammelt und später:

  • durch Freizeit ausgeglichen

  • oder ausgezahlt

Arbeitszeitkonten ermöglichen:

  • flexiblere Einsatzplanung

  • bessere Verteilung saisonaler Belastungen

  • kontrollierteren Umgang mit Mehrarbeit

Gleichzeitig sind klare Regeln wichtig:

  • maximale Stundenobergrenzen

  • Ausgleichsfristen

  • Dokumentationspflichten

  • transparente Kommunikation mit Mitarbeitenden

Fehlende Steuerung führt häufig zu dauerhaft hohen Überstundenständen.

Steuerliche Auswirkungen bei Auszahlung von Überstunden

Überstundenvergütungen gehören grundsätzlich zum steuer- und sozialversicherungspflichtigen Arbeitslohn.

Das bedeutet:

  • höhere Lohnsteuer

  • zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge

  • steigende Personalkosten für den Arbeitgeber

Unter bestimmten Voraussetzungen können jedoch Zuschläge für:

  • Nachtarbeit

  • Sonntagsarbeit

  • Feiertagsarbeit

steuerlich begünstigt sein. Entscheidend sind dabei die gesetzlichen Voraussetzungen und die konkrete Gestaltung der Zuschläge.

Freizeitausgleich kann Mitarbeitende entlasten

Gerade in der Pflege spielt die körperliche und psychische Belastung eine große Rolle.

Viele Mitarbeitende bevorzugen deshalb:

  • zusätzliche freie Tage

  • längere Erholungsphasen

  • bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Andere bevorzugen dagegen eine Auszahlung, insbesondere bei:

  • steigenden Lebenshaltungskosten

  • finanziellen Belastungen

  • Teilzeitmodellen

Eine pauschale Lösung funktioniert deshalb selten für alle Teams gleichermaßen.

Häufiger Fehler in der Praxis

Viele Einrichtungen reagieren erst, wenn die Überstunden bereits sehr hoch sind.

Typische Probleme:

  • unkontrollierte Stundenkonten

  • fehlende interne Regeln

  • spontane Einzelentscheidungen

  • hohe kurzfristige Auszahlungen

  • fehlende langfristige Personalplanung

Dadurch entstehen häufig:

  • Liquiditätsprobleme

  • organisatorische Engpässe

  • Unzufriedenheit im Team

  • Risiken bei Arbeitszeitprüfungen

Wann Auszahlung sinnvoll sein kann

Eine Auszahlung kann sinnvoll sein:

  • wenn sehr hohe Überstundenstände bestehen

  • wenn Mitarbeitende ausdrücklich eine Auszahlung wünschen

  • wenn Freizeitausgleich organisatorisch kaum möglich ist

  • bei stabiler Liquidität des Unternehmens

Wann Freizeitausgleich sinnvoll sein kann

Freizeitausgleich kann Vorteile bringen:

  • bei hoher Belastung im Team

  • zur kurzfristigen Schonung der Liquidität

  • bei funktionierenden Arbeitszeitkonten

  • zur Förderung der Mitarbeiterzufriedenheit

Voraussetzung ist jedoch eine realistische Personalplanung.

Strategische Planung statt Dauer-Feuerwehrmodus

Erfolgreiche Pflegeeinrichtungen steuern Überstunden aktiv und nicht erst im Krisenfall.

Dazu gehören:

  • klare Überstundenregelungen

  • frühzeitige Urlaubsplanung

  • kontrollierte Arbeitszeitkonten

  • transparente Kommunikation

  • regelmäßige Auswertung der Mehrarbeit

Dadurch lassen sich wirtschaftliche und personelle Risiken deutlich reduzieren.

Fazit: Überstunden sind nicht nur ein Personalthema

Die Frage „Auszahlen oder Freizeit?“ betrifft weit mehr als die reine Lohnabrechnung.

Sie beeinflusst:

  • Liquidität

  • Mitarbeiterbindung

  • Arbeitsbelastung

  • Dienstplanung

  • langfristige Personalkosten

Für Geschäftsführer und Personalverantwortliche gilt deshalb:

Eine gute Überstundenstrategie schützt nicht nur die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens, sondern auch die Stabilität und Zufriedenheit des gesamten Teams.

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
  • Steuerliche Beratung im Bereich Unternehmensumwandlungen
  • Steuerliche Beratung im Bereich Nachfolgeregelungen
  • Wirtschaftsprüfung - Jahresabschlussprüfung
  • Unternehmensbewertung