20.05.2026

Portugal, Spanien, Polen: Dein Pflegedienst rekrutiert Fachkräfte aus dem Ausland – was dich wirklich erwartet

Fast jede fünfte Pflegekraft in Deutschland hat einen internationalen Hintergrund. Was vor einigen Jahren noch als Ausnahme galt, ist heute für viele Pflegeeinrichtungen eine strategische Notwendigkeit geworden.

Der Fachkräftemangel in der Pflege hat sich so stark verschärft, dass internationale Rekrutierung für viele Einrichtungen nicht mehr optional ist. Gleichzeitig ist sie kein einfacher „Lösungsweg“, sondern ein komplexer Prozess mit rechtlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Anforderungen.

Dieser Artikel zeigt verständlich und praxisnah, was Pflegeeinrichtungen bei der Rekrutierung aus dem Ausland wirklich erwartet.

Warum internationales Recruiting in der Pflege immer wichtiger wird

Der Arbeitsmarkt in der Pflege ist seit Jahren angespannt. Die Nachfrage nach Pflegeleistungen steigt, während gleichzeitig viele erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen.

Ein wesentlicher Faktor ist dabei der zunehmende Anteil internationaler Beschäftigter. Aktuelle Auswertungen zeigen, dass ein erheblicher Teil des Beschäftigungswachstums in der Pflege durch ausländische Fachkräfte getragen wird.

Für Einrichtungen bedeutet das:

  • Der deutsche Arbeitsmarkt allein reicht oft nicht mehr aus

  • Internationale Rekrutierung wird Teil der Personalstrategie

  • Planung, Integration und Struktur werden entscheidend

Herkunft der Pflegekräfte: Welche Länder besonders relevant sind

Die wichtigsten Herkunftsländer internationaler Pflegekräfte haben sich in den letzten Jahren deutlich herausgebildet.

Innerhalb der Europäischen Union spielen insbesondere eine Rolle:

  • Polen

  • Spanien

  • Portugal

  • Rumänien

Außerhalb der Europäischen Union sind häufig relevant:

  • Philippinen

  • Indien

  • Tunesien

  • Bosnien und Herzegowina

  • Indonesien

Wichtig ist: Die tatsächlichen Herkunftsländer hängen stark von Programmen, Netzwerken und Vermittlungsstrukturen einzelner Einrichtungen ab.

EU-Rekrutierung: weniger Bürokratie, aber nicht ohne Herausforderungen

Die Rekrutierung innerhalb der Europäischen Union ist für viele Einrichtungen der erste Einstieg in internationales Recruiting.

Vorteile:

  • Keine Arbeitserlaubnis erforderlich

  • Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union

  • Vereinfachte Anerkennungsverfahren für Berufsabschlüsse

Realität in der Praxis:

Auch wenn die Verfahren vereinfacht sind, bedeutet das nicht, dass sie sofort abgeschlossen sind. Anerkennungsprozesse dauern je nach Bundesland, Unterlagenlage und Behörde oft mehrere Wochen bis Monate.

Portugal, Spanien und Polen im Praxisvergleich

Portugal

Portugal ist für viele deutsche Einrichtungen ein erfolgreicher Einstieg in internationales Recruiting.

Typische Vorteile:

  • hohe berufliche Qualifikation

  • gute Integrationserfahrungen in deutschen Einrichtungen

  • häufig hohe Motivation zur langfristigen Migration

Der entscheidende Erfolgsfaktor ist meist nicht das Land selbst, sondern ein stabiles Netzwerk vor Ort, zum Beispiel mit Schulen oder Kooperationspartnern.

Spanien

Spanien ist ein wichtiger Herkunftsmarkt für Pflegekräfte innerhalb Europas.

Charakteristisch ist:

  • große Anzahl potenzieller Bewerberinnen und Bewerber

  • gleichzeitig hoher Wettbewerb deutscher Einrichtungen

  • starke regionale Unterschiede in Ausbildung und Berufserfahrung

Für Einrichtungen bedeutet das: Spanien bietet Potenzial, erfordert aber eine klare Auswahlstrategie.

Polen

Polen hat eine lange Tradition der Arbeitsmigration nach Deutschland.

Typische Vorteile:

  • häufig vorhandene Deutschkenntnisse

  • geografische Nähe

  • kulturelle und arbeitsbezogene Erfahrungen mit Deutschland

Gleichzeitig gilt:
Die wirtschaftliche Entwicklung in Polen hat sich verbessert, wodurch die Bereitschaft zur dauerhaften Migration teilweise zurückgeht. Pendelmodelle und kurzfristige Beschäftigung sind häufiger geworden.

Drittstaaten: höherer Aufwand, strukturierte Programme

Rekrutierung aus Ländern außerhalb der Europäischen Union ist deutlich komplexer, aber gut organisiert möglich.

Ein zentrales Programm ist „Triple Win“, das von der Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit umgesetzt wird.

Ziel des Programms:

  • faire Rekrutierung

  • Schutz der Herkunftsländer

  • strukturierte Auswahl und Vorbereitung

Typische Herkunftsländer:

  • Philippinen

  • Indonesien

  • Tunesien

  • ausgewählte Regionen in Indien

Ablauf:

  • Vorbereitung im Herkunftsland

  • Sprachkurs in der Regel bis Niveau B1

  • Einreise nach Deutschland

  • Tätigkeit zunächst häufig in Assistenzfunktionen

  • anschließende Anerkennung des Berufsabschlusses

Fachkräfteeinwanderung: was sich in Deutschland verbessert hat

Mit den Reformen des Fachkräfteeinwanderungsrechts wurden Prozesse für internationale Fachkräfte vereinfacht.

Wichtige Entwicklungen:

  • schnellere Visaverfahren in vielen Fällen

  • Möglichkeit zur Einreise mit Arbeitsvertrag und Anerkennungsprozess im Anschluss

  • beschleunigte Verfahren bei klaren Voraussetzungen

Ein wichtiges Instrument ist das beschleunigte Fachkräfteverfahren, das die Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber, Behörden und Auslandsvertretungen bündelt.

Kosten der internationalen Rekrutierung

Internationale Rekrutierung ist kein kurzfristiges Sparmodell.

EU-Rekrutierung:

  • Vermittlungskosten häufig im Bereich von einigen tausend Euro pro Person

  • zusätzlich interne Kosten für Integration und Einarbeitung

Drittstaaten-Rekrutierung:

Hier entstehen deutlich höhere Gesamtkosten durch:

  • Sprachkurse im Herkunftsland

  • Visum- und Anerkennungsverfahren

  • Rekrutierungsagenturen oder Programme

  • Integration und Einarbeitung in Deutschland

In der Praxis liegen die Gesamtkosten häufig im Bereich von etwa 15.000 bis 30.000 Euro pro Fachkraft.

Gleichzeitig müssen Einrichtungen immer die Alternative berücksichtigen:

  • Kosten unbesetzter Stellen

  • Zeitarbeit

  • Überlastung des bestehenden Teams

Die größten Herausforderungen in der Praxis

1. Sprache

Sprache ist der wichtigste Erfolgsfaktor. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse entstehen:

  • Missverständnisse im Pflegealltag

  • erhöhte Belastung für Teams

  • höhere Abbruchquoten

2. Anerkennung

Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist abhängig von:

  • Bundesland

  • Ausbildungsland

  • Vollständigkeit der Unterlagen

3. Integration

Der Erfolg entscheidet sich oft nach der Ankunft:

  • Unterstützung bei Wohnungssuche

  • Einarbeitung mit festen Ansprechpartnern

  • soziale Integration im Team

4. Erwartungsmanagement

Ein häufiger Fehler ist die Annahme, internationale Fachkräfte seien „sofort voll einsetzbar“. In der Realität ist ein strukturierter Aufbau notwendig.

Ethische Rahmenbedingungen

Deutschland orientiert sich bei der internationalen Rekrutierung am WHO-Verhaltenskodex für die Anwerbung von Gesundheitsfachkräften.

Das bedeutet:

  • verantwortungsvolle Rekrutierung aus dem Ausland

  • Vermeidung von Abwerbung aus Ländern mit eigener Versorgungsknappheit

  • Fokus auf faire Programme und langfristige Kooperationen

Seriöse Programme berücksichtigen diese Standards systematisch.

Erfolgsfaktoren aus der Praxis

Erfolgreiche Einrichtungen haben meist drei Dinge gemeinsam:

  • klare interne Zuständigkeiten für internationales Recruiting

  • strukturierte Sprach- und Integrationskonzepte

  • langfristige Partnerschaften in Herkunftsländern

Wichtig ist dabei: Rekrutierung endet nicht mit der Einreise, sondern beginnt dort erst richtig.

Fazit: Internationales Recruiting ist Strategie, kein kurzfristiges Projekt

Internationale Rekrutierung in der Pflege ist weder ein schneller Ersatz für fehlendes Personal noch eine einfache Lösung.

Sie ist:

  • ein langfristiger Aufbauprozess

  • eine organisatorische Herausforderung

  • eine wirtschaftliche Investition

Einrichtungen, die internationale Fachkräfte erfolgreich integrieren, schaffen sich jedoch stabile Teams und reduzieren langfristig Personalengpässe.

Der entscheidende Erfolgsfaktor ist nicht das Herkunftsland, sondern die Frage:

Wie gut ist die Einrichtung auf internationale Mitarbeitende vorbereitet?

Eike J. Giersdorf
Wirtschaftsprüfer I Steuerberater
Schwerpunkte
  • Steuerliche Gestaltungsberatung
  • Steuerliche Beratung im Bereich Unternehmensumwandlungen
  • Steuerliche Beratung im Bereich Nachfolgeregelungen
  • Wirtschaftsprüfung - Jahresabschlussprüfung
  • Unternehmensbewertung